Stoffwindeln – Stoff von gestern?

Bei Benni’s Nest wird das Thema „Nachhaltigkeit“ ganz groß geschrieben. Aber wie ist das mit der Nachhaltigkeit im Alltag – und das mit Kind? Geht das denn überhaupt?Als Mama, kann ich sagen, dass es nicht ganz einfach ist, „Green“ mit Kind zu leben. Da kommt es oft vor, dass die Praktikabilität siegt. Ich gestehe auch, dass manche Praktiken für mich nie in Frage gekommen sind. Beispielsweise das Thema Stoffwindel. Viel zu umständlich dachte ich. Vanessa Böck von Windelherz zeigt uns aber, dass manch Vorurteil zu verwerfen ist. Ja, sogar mich hat sie mit ihren Argumenten überzeugt 🙂 Vanessa bietet mit ihrer Geschäftsidee unteranderem Kurse zum Thema Stoffwindeln an. Sehr sympathisch, frisch und überhaupt gar nicht verstaubt (wie es so manch Vorurteil sagt). Denn Stoffwindeln sind im Trend und werden noch sicherlich an Popularität gewinnen. Vanessa hat dankenswerterweise einen tollen Gastbeitrag verfasst. Wir finden es super – vielen Dank Vanessa. Viel Spaß beim lesen!!

Stoffwindeln – Stoff von gestern? von Vanessa Böck

Lange müde als „Ökokram“ belächelt, nutzen heute wieder mehr und mehr Eltern Stoffwindeln. Kein Wunder: Moderne Stoffwindeln sind nicht nur praktisch und einfach anzulegen sondern auch schick und nachhaltig. Keine meterlangen Stoffbahnen, die um das Kind herumgewickelt werden, kein Auskochen, kein kompliziertes Waschen. Dafür weniger „Explosionen“ und Auslaufen, weniger Chemie am Po des Babys, weniger Müll. Und bares Geld kann man dabei auch noch sparen.

Klingt interessant? Beginnen wir also einen kleinen Ausflug in die Stoffwindelwelt und widerlegen die häufigsten Vorurteile:

  1. Stoffwindeln sind kompliziert anzulegen

Wer an Stoffwindeln denkt, hat oftmals das Bild von Mullwindeln im Kopf, die mit speziellen Falttechniken um das Kind herumgewickelt werden. Natürlich kann man auch heute noch so wickeln – mit ein wenig Übung geht das ganz leicht von der Hand. Moderne Stoffwindeln hingegen sind so konzipiert, dass sie optisch und von der Handhabung eine große Ähnlichkeit zu Wegwerfwindeln haben. Wenn man mit Wegwerfwindeln wickeln kann, dann auch mit den modernen Vertretern aus Stoff – das gilt ebenso für Eltern, wie für Großeltern, Erzieher in der Krippe etc.

  1. Stoffwindeln waschen ist eine Wissenschaft für sich

Vorweg gesagt: Ja, Stoffwindeln bedeuten mehr Wäsche. Je nach verwendetem Windelsystem fallen pro Woche 2-3 Maschinen Wäsche zusätzlich an. Wie funktioniert das Waschen konkret? Nun, eigentlich sind nur einige wenige Besonderheiten zu beachten. Die benutzten Windeln oder Einlagen werden zunächst in einem handelsüblichen Wäschenetz im Windeleimer oder in einem Wetbag (einer speziellen wasserdichten aber atmungsaktiven Tasche) gelagert. Das mittels Windelvlies abgefangene große Geschäft wird vorab in der Toilette oder im Müll entsorgt. Ein Einweichen oder Auswaschen ist nicht nötig, sondern sogar kontraproduktiv, da so der Ammoniak ausgewaschen wird. Dieser allerdings verhindert Schimmelbildung! Am Waschtag wandern alle schmutzigen Stoffwindeln dann ganz einfach in die Waschmaschine. Hier entfernt eine Vorwäsche oder ein Kurzprogramm bereits grob den ersten Schmutz und weicht die Windeln ein. Zur Hauptwäsche darf dann ganz normale Haushaltswäsche hinzugegeben werden (Handtücher, Bettwäsche etc.), falls die Maschine noch nicht voll ist. Bei 40°C bis 60°C und hoher Schleuderzahl arbeitet die Waschmaschine für dich. Und du? Du hast Zeit für andere, wichtigere Dinge!

Ein kleiner Hinweis zum Waschmittel: Viele Stoffwindeln enthalten hochwertige Naturfasern wie Bambus oder Hanf. Diese vertragen keine Enzyme (im Wesentlichen das Enzym Cellulase). Auch auf Chlorbleiche und optische Aufheller sollte verzichtet werden. Duftstoffe können Allergien auslösen. Keine Sorge, du kannst dein Waschmittel weiterhin in der Drogerie kaufen. Eine Übersicht geeigneter Waschmittel findest du zum Beispiel hier: https://www.facebook.com/notes/stoffwindel-chat/waschmittel/380705241976746.

  1. Stoffwindeln laufen aus

Das normale Stoffwindel-Wickelintervall beträgt zwei bis drei Stunden und entspricht damit der Faustregel „Acht Windeln in 24 Stunden“. Prinzipiell sollte das Kind natürlich nie unnötig lange in seinen eigenen Ausscheidungen liegen, daher ist häufiges Windelwechseln immer sinnvoll (und übrigens jedes Mal ein toller Anlass sich bewusst Zeit für sein Kind zu nehmen!). Dank der Möglichkeit flexibel verschiedene Einlagen und Materialen zu kombinieren halten aber auch Stoffwindeln länger dicht. Einer längeren Autofahrt oder einem Einkaufsbummel ohne Wickelmöglichkeiten steht also nichts im Wege. Auch eine ganze Nacht ist mit der passenden Stoffwindel kein Problem. Doppelte Beinbündchen und flexibler Gummizug im Rücken der Windeln verhindern das Auslaufen zusätzlich. Verschmutze Bodys bis zum Hals gehören der Vergangenheit an (Ausnahmen bestätigen hier natürlich die Regel – auch keine Stoffwindel kann keine Wunder vollbringen…). Wusstest du eigentlich, dass mit Stoff gewickelte Kinder im Schnitt früher trocken werden? Stoffwindeln enthalten nämlich im Gegensatz zu Wegwerfwindeln keine Superabsorber (mehr zu den Inhaltsstoffen einer Wegwerfwindel erfährst du hier: http://frauenheute.com/2015/07/28/windeln-das-ist-wirklich-drin/ ), die Kinder merken also die Feuchtigkeit und entwickeln früher ein Bewusstsein für ihre eigenen Ausscheidungen. Übrigens: Urin schadet der Haut nicht (Zahnungspipi mal ausgenommen). Nicht umsonst enthalten Fußcremes häufig Urea – Harnstoff pflegt die Haut!

  1. Stoffwindeln sind teuer!

Eine qualitativ hochwertige Stoffwindeln (keine China-Ware!) kostet im Schnitt 20 bis 25 Euro. Stoffwindeln „made in Germany“ noch etwas mehr. Viel Geld?

(Kleiner Zusatz: in Österreich werden Stoffwindeln ebenfalls gefördert – Infos bei Hebammen oder bei den örtlichen Gemeinden.)

Rechnen wir doch einmal:

Ein Stoffwindelpaket kostet je nach System zwischen 250 und 600 Euro. Fast alle Windeln sind in der Größe verstellbar, können also über die ganze Wickelzeit hinweg genutzt werden. Auch das ggf. nachfolgende Geschwisterkind kann die Windeln nutzen. Werden sie nicht mehr benötigt, kann man die Windeln einfach wieder verkaufen. Und die Kosten für die zusätzlichen Wäschen? Um etwa 2% werden die Haushaltsnebenkosten (Strom, Wasser) im Jahr steigen.

Im Vergleich dazu landet jede Wegwerfwindeln nach dem Tragen im Müll. Geht man von einer Wickelzeit von durchschnittlich drei Jahren aus wirst du zwischen 1200 und 1500 Euro für Wegwerfwindeln ausgeben. Hinzu kommen Fahrtkosten zur Beschaffung der großen Windelpakete. Ganz einfache Rechnung, oder? Wer es ganz genau wissen will, kann sich hier einen ausführlichen Kostenvergleich ansehen: https://www.windelmanufaktur.com/kostenvergleich-stoffwindeln-wegwerfwindeln/ und diesen sogar individuell auf die eigene Situation anpassen.

Gut zu wissen ist außerdem: Viele Landkreise, Städte oder Gemeinden unterstützen den Kauf von Stoffwindeln mit einem finanziellen Zuschuss.

  1. Stoffwindeln belasten die Umwelt

Immer wieder wird das Argument aufgeführt, Stoffwindeln belasten die Umwelt ähnlich stark wie Wegwerfwindeln. Grund: Stoffwindeln müssen immer und immer wieder ausgewaschen werden. Ein immenser Wasser- und Energieverbrauch – oder? Ich möchte hier eine Studie der University of Queensland, Brisbane von 2009 anführen, welche die Umweltbelastungen durch Stoffwindeln und durch Wegwerfwindeln anschaulich vergleicht:

Umweltbelastung pro Kind und Jahr Waschbare Windeln Wegwerfwindeln
Land für Rohstoffe 13-40m² 407-892m²
Wasserverbrauch 19-32m³ 14-28m³
Energieverbrauch 83-139kWh 333-695kWh
Abfall 3-6kg 288-360kg

Life Cycle Assessment: Reusable and disposable Nappies in Australia

Environmental Engineering, Scholl of Engineering

The University of Queensland, Brisbane, 2009

Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang noch, dass Wegwerfwindeln und deren Bestandteile so gut wie nicht organisch abbaubar sind – das Verrotten einer Windel nimmt mehrere Jahrhunderte in Anspruch!

Ein eindrucksvoller Vergleich, nicht wahr? Stoffwindeln – auch der Umwelt zuliebe!

  1. Auch mit Stoffwindeln hat mein Kind Plastik am Po

Jein! Korrekt ist: Moderne Stoffwindeln haben eine Beschichtung aus Polyurethan (kurz: PUL). Diese „Plastik“beschichtung ist wasserdicht, aber gleichzeitig atmungsaktiv. DAS ist der große Unterschied zu Wegwerfwindeln! Diese sind quasi „luftdicht abgeriegelt“. Studien haben ergeben, dass die Körpertemperatur der in der Wegwerfwindel verpackten Bereiche um bis zu 2°C über der eigentlichen Körpertemperatur liegt. Insbesondere für kleine Jungs nicht optimal, denn durch die Wärmestauung leidet die Spermienqualität – ja, auch in diesem jungen Alter schon! Zurück zum Plastik: Ein kompletter Verzicht auf Plastik am Babypo ist durchaus möglich. Wie wäre es mit einer kuscheligen Höschenwindel aus Bambus (dem am schnellsten wachsenden Rohstoff der Welt) und einer feschen bunten Überhose aus Wolle?

  1. Stoffwindeln sind optisch unattraktiv

Stopp! Das war einmal! Die heutigen Windeln lassen keine Designwünsche offen! Ob unifarben oder süße Muster, für jeden Geschmack ist etwas dabei! Mit der verblichen weißen Windel von anno dazumal haben die modernen Systeme nichts mehr gemeinsam! Beispiele? Bemühe doch einfach einmal die Bilder-Suche von Google oder einer anderen Suchmaschine eures Vertrauens, du wirst überrascht sein, wie schick Windeln sein können.

Zugegeben: das etwas größere Windelpaket ist bei Stoffwindeln anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Das liegt insbesondere daran, dass die aktuellen Wegwerfwindeln durch den leistungsfähigen Superabsorber wirklich sehr dünn sind. Noch vor 10 oder 20 Jahren war der Unterschied gar nicht so groß (im wahrsten Sinne des Wortes), da die Wegwerfwindeln noch nicht so „gut“ entwickelt waren. Zu berücksichtigen bleibt, dass das Volumen einer Wegwerfwindel während des Tragens zunimmt, das der Stoffwindel bleibt gleich. Worauf will ich hinaus? Der Größenunterschied zwischen einer vollen Wegwerfwindel und einer Stoffwindel ist gar nicht so groß. Probier‘ es aus. Ein dickeres Windelpaket stört oder beeinträchtig die Kinder übrigens in aller Regel überhaupt nicht. Breites Wickeln wird darüberhinaus zur optimalen Hüftreifung vielfach sogar ärztlich empfohlen.

Stoffwindeln – Stoff von gestern? Ich sage: Nein! Stoffwindeln sind der Stoff der Zukunft. Und diese beginnt genau jetzt!

Sofern ihr bei der Auswahl des individuell für euch und euer Baby passenden Stoffwindelsystems Unterstützung benötigt (ja, die Auswahl ist tatsächlich riiiiieeesig!), wendet euch an eine Stoffwindelberaterin in eurer Nähe. Diese Damen (oder auch Herren) helfen euch kompetent durch das Stoffwindel-Wirrwarr und verraten euch viele hilfreiche Tipps und Tricks.

WINDELHERZ – Vanessa Böck
www.windelherz.de
[email protected]
www.facebook.com/windelherzboeck

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Veröffentlicht in: Life

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